Manche Orte muss man zweimal besuchen. Nicht, weil man beim ersten Mal etwas verpasst hat, sondern weil sie je nach Tageszeit eine völlig andere Stimmung entfalten. So geht es uns mit Linnahall, einem ehemaligen Kultur- und Sportpalast aus der Sowjetzeit direkt am Hafen von Tallinn.
Unser erster Besuch findet nachmittags bei strahlendem Sonnenschein statt. Über die breiten Betonstufen laufen wir bis aufs Dach. Von hier oben eröffnet sich ein beeindruckender Rundumblick: Vor uns liegt der Hafen mit den Fähren und Kreuzfahrtschiffen, dahinter die Weite der Ostsee. Drehen wir uns um, sehen wir die Silhouette der mittelalterlichen Altstadt. Und etwas weiter nordwestlich entsteht mit modernen Hochhäusern ein ganz neues Viertel.













Gebaut für den großen Olympia-Auftritt, heute ein verlassener Ort
Dabei wurde Linnahall ursprünglich gar nicht als Aussichtspunkt gebaut. Es entstand für die Olympischen Spiele 1980, deren Segelwettbewerbe in Tallinn ausgetragen wurden. Die Sowjetunion wollte sich der Welt als modern und leistungsfähig präsentieren und errichtete direkt am Meer einen riesigen Kultur- und Sportpalast mit Konzert- und Eishalle. Das Besondere, gerade vor dem Hintergrund der sowjetischen Herrschaft: Statt eines Hochhauses entstand ein flaches, terrassenförmiges Gebäude, das den Blick auf die Altstadt nicht versperren sollte. Heute wirkt es fast wie ein künstlicher Hügel aus Beton.
Nach der Unabhängigkeit Estlands verlor Linnahall immer mehr an Bedeutung. Der Unterhalt dieses riesigen Gebäudes war teuer, die Technik veraltet und schließlich wurde es 2010 geschlossen. Seitdem nagen Wind, Regen und die salzige Meeresluft am Beton. Graffiti bedecken viele Wände, Geländer rosten und an manchen Stellen wächst bereits die Natur zwischen den Fugen. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – zieht das Gebäude bis heute viele Besucher wie uns an.
Ein Ort zwischen Vergangenheit und Zukunft & ein Sommerabend, der keiner wurde
Ein zweites Mal kommen wir am Abend zurück. Im Juni wird es hier oben im Norden kaum noch dunkel, und eigentlich möchten wir den Sonnenuntergang erleben. Kurz vor 23 Uhr sollte die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwinden. Doch daraus wird nichts. Dichte Wolken hängen über der Ostsee, dazu weht ein frischer Wind bei gerade einmal 14 Grad. An Decken, Getränken und dem, was einen gemütlichen Abend ausmacht, mangelt es uns eigentlich nicht. Trotzdem hält uns das Wetter nicht lange dort oben. Wir packen also unsere Sachen zusammen und lassen den Abend in unsere Wohnung in der Altstadt ausklingen.





Vielleicht passt genau das zu Linnahall, philosophieren wir. Es ist kein perfektes Wahrzeichen und keine klassische Sehenswürdigkeit. Es erzählt von olympischen Träumen, vom Ende der Sowjetunion, vom Verfall und von der Frage, wie eine Stadt mit ihrer Geschichte umgehen soll. Während ringsherum moderne Viertel wachsen und sich Tallin seit den 90er Jahren enorm weiterentwickelt hat, wartet dieser unförmige Betonbau hier noch immer auf seine Zukunft. Gerade dieser Kontrast macht den Ort für uns so spannend.
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