Militärgeschichte gehört normalerweise nicht zu den Themen, die wir auf Reisen gezielt suchen. In Litauen begegnet sie einem jedoch an vielen Stellen ganz von selbst. Wir sehen uns zunächst ein ehemaliges Kriegsschiff im Hafen von Klaipėda an und später dann eine ehemalige sowjetische Raketenbasis mitten im Wald des Žemaitija-Nationalparks. Auf den ersten Blick haben beide Orte wenig gemeinsam. Das eine schwimmt gut sichtbar im Hafen, das andere war jahrzehntelang tief unter der Erde verborgen. Doch beide erzählen ihre eigene Geschichte vom Kalten Krieg und von einer Zeit, in der Litauen ein wichtiger Schauplatz der militärischen Auseinandersetzung zwischen Ost und West war.
Ein Kriegsschiff in Klaipėda: M52 „Sūduvis“
Das Kriegsschiff, das heute im Zentrum von Klaipėda an der Dange liegt, heißt LKL Sūduvis (M52). Wir trotzen dem Regenwetter und werfen einen Blick auf Außen- und vor allem Innenräume. Die LKL Sūduvis war ein Minensucher, der ursprünglich 1958 für die deutsche Bundesmarine unter dem Schiffsnamen „Koblenz“ gebaut wurde. 1999 wurde das Schiff dann an die litauische Marine übergeben und erhielt den Namen „Sūduvis“. Nach mehr als 20 Jahren für Litauen im Einsatz wurde das Schiff 2021 außer Dienst gestellt und anschließend als Museumsschiff direkt im historischen Hafen von Klaipėda eröffnet.

Erstaunlich ist, wie „altmodisch“ die ganze Innenausstattung aus unserer Sicht wirkt, auch die technische Ausrüstung zur Minenjagd. Viel Mechanik, wenig Elektronik. Viele deutsche Bezeichnungen (klar, das Schiff wurde für die deutsche Bundesmarine gebaut) und „Made in Germany“ wie z.B. Siemens und AEG finden wir an einigen Stellen. Auch Mannschaftsunterkünfte und Maschinenräume wirken auf uns etwas aus der Zeit gefallen. Aber wie gesagt, das mag vielleicht auch nur ein Eindruck Unwissender sein. Nach der Besichtigung sind wir jedenfalls wieder froh, an die frische Luft zu kommen. Einen längeren, gar tagelangen Aufenthalt an Bord können wir uns beide nicht vorstellen.






Das Cold War Museum in Plokščiai
Das Museum ist die ehemalige sowjetische Raketenbasis tief im Wald des Žemaitija National Park. Die Anlage wurde zwischen 1960 und 1962 errichtet und war eine der ersten unterirdischen Nuklearraketenbasen der Sowjetunion. Hier waren vier Mittelstreckenraketen des Typs R-12 stationiert, die mit Atomsprengköpfen bestückt werden konnten und auf Ziele in Westeuropa ausgerichtet waren. Die vier Abschussrampen sind auch von außen zu sehen, heute zubetoniert.



Die Raketenbasis selbst liegt bis zu 30 Meter unter der Erde. Jahrzehntelang war sie streng geheim. Selbst viele Bewohner der Umgebung wussten nicht genau, was sich im Wald verbarg. Erst nach dem Ende der Sowjetunion wurde die Anlage aufgegeben. 2012 eröffnete hier das Cold War Museum.
Der Einstieg in die Raketenbasis und die Abschussrampen gehören für uns zu den eindrucksvollsten Momenten, nicht unbedingt schön, aber schon auch sehr interessant. Es ist außerdem ganz schön kalt hier unten. Wir sehen die gewaltigen Raketensilos, viele unterirdische Tunnel, ehemalige Kommandoräume, Ausstellungen zur nuklearen Abschreckung, Propaganda des Kalten Krieges auf West- und Ostseite und Informationen über das Leben sowjetischer Soldaten.











Die Ausstellung beinhaltet auch Bilder über die verheerenden Folgen der beiden Atombomben im August 1945 in Hiroshima und Nagasaki, Japan.

Der Besuch dieser beiden Dokumentationszentren hatte mich auf meiner Reise durch Japan nachhaltig beschäftigt. Die Raketenbasis von Plokščiai macht für uns noch einmal deutlich, wie sehr die Welt während des Kalten Krieges von der Abschreckung durch Atomwaffen geprägt war.
Was die beiden Besuche verbindet
Auf dem Minensucher bekommen wir einen Eindruck vom Alltag der Soldaten auf engem Raum, in der ehemaligen Raketenbasis dagegen von den gewaltigen militärischen Dimensionen des Kalten Krieges. Beides wirkt heute wie aus einer anderen Zeit und doch ist die zugrunde liegende Geschichte noch gar nicht so lange her. Vielleicht ist es gerade diese Nähe zur Gegenwart, die beide Orte so eindrucksvoll macht.
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