Zwischen Glauben und Widerstand – der Berg der Kreuze bei Šiauliai in Litauen

Auf dem Weg nach Riga bietet sich ein Stop in der Nähe von Šiauliai in der flachen Landschaft Litauens an: aus dem Nichts taucht eine komplette touristische Infrastruktur mit Parkplatz, Toiletten, Informationszentrum und Souvenirshops vor uns auf.

Schon von weitem sind die vielen Kreuze auf einem kleinen Hügel zu erkennen. Was zunächst überschaubar wirkt, verändert sich jedoch mit jedem Schritt. Je näher wir kommen, desto deutlicher sehen wir das wahre Ausmaß dieses besonderen Ortes. Tausende Kreuze bedecken den Hügel und seine Hänge, ein ungewöhnlicher Anblick.

Scheinbares Chaos mit eigenen Regeln

Zwischen den Kreuzen zu stehen ist eine völlig andere Erfahrung als der Blick aus der Ferne. Was zunächst wie ein ungeordnetes Durcheinander auf uns wirkt, ist bei genauerem Hinsehen eine über Jahrzehnte gewachsene Sammlung persönlicher Glaubenszeugnisse. Große Holzkreuze stehen neben kleinen Metallkreuzen, Rosenkränzen und Erinnerungsstücken. Manche Kreuze sind neu, andere viele Jahrzehnte alt. Eine feste Anordnung gibt es nicht, aber es gelten klare Regeln: Kreuze dürfen weder entfernt noch versetzt werden, bestehende Kreuze dürfen nicht beschädigt werden und neue Holzkreuze dürfen eine Höhe von drei Metern nicht überschreiten. Aus Brandschutzgründen ist außerdem das Anzünden von Kerzen auf dem Hügel verboten.

Symbol der Freiheit

Der Hügel selbst hat eine lange Geschichte. Im Mittelalter stand hier eine hölzerne Burg, die 1348 von der livländischen Armee zerstört und anschließend nicht wieder aufgebaut wurde. Die ersten Kreuze sollen Mitte des 19. Jahrhunderts aufgetaucht sein. Unter der Herrschaft des Zaren war es vielerorts nicht erlaubt, religiöse Symbole im eigenen Zuhause zu haben. Daher begannen Gläubige, ihre Kreuze hier aufzustellen. Mit der Zeit entwickelte sich der Ort zu einem bedeutenden Pilgerzentrum. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg versammelten sich hier Tausende Menschen zu Gottesdiensten. Nach 1944 versuchten die sowjetischen Besatzer mehrfach, den Hügel zu zerstören und die Kreuze zu entfernen. Doch die Menschen stellten immer wieder neue auf. So wurde der Berg der Kreuze zu einer christlichen Pilgerstätte und zu einem Symbol für Hoffnung, Freiheit und den friedlichen Widerstand gegen Unterdrückung. Internationale Bekanntheit erlangte der Ort schließlich 1993 durch den Besuch von Papst Johannes Paul II.

Heute stammen die Kreuze von Pilgern aus aller Welt. Wie viele es inzwischen sind, weiß niemand genau. Schätzungen reichen bis in die Hunderttausende.

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