Bei meinem Besuch in London verbringe ich Zeit in der British Library und erinnere mich dabei daran, dass ich auf der Reise durchs Baltikum auch die Nationalbibliotheken in Riga und Tallinn besucht habe. Drei große Bibliotheken, drei sehr unterschiedliche Gebäude und doch verbindet sie eine gemeinsame Aufgabe: Sie bewahren das kulturelle Gedächtnis ihres Landes und machen es für die Gegenwart und Zukunft zugänglich. Heute geht es darum, wie ich diese drei Bibliotheken wahrgenommen habe und was sie in meinen Augen so besonders macht.
Lettische Nationalbibliothek in Riga: Castle of Light
In Riga ist die Lettische Nationalbibliothek schon von außen ein markantes Gebäude. Wie ein gläsernes, schräg aufragendes Gebirge steht sie am Ufer der Daugava, gegenüber der Altstadt. Entworfen hat sie der lettisch-amerikanische Architekt Gunnar Birkerts, der in Lettland geboren wurde und später in den USA arbeitete. 2014 wird das Gebäude eröffnet und trägt den Beinamen „Castle of Light“, Schloss des Lichts. Viele Menschen sind hier zum Lesen, Lernen oder Arbeiten. Die Nationalbibliothek ist ein lebendiger öffentlicher Ort.
Wir nehmen an einer Audiotour teil, die uns durch sämtliche Stockwerke führt. Rund 4,5 Millionen Objekte werden hier bewahrt: Bücher und Zeitschriften, Manuskripte, Karten, Noten und andere Dokumente. Die Architektur macht den Rundgang zu einem eigenen Erlebnis: Die Stockwerke sind unterschiedlich gestaltet und von verschiedenen Grundfarben geprägt. Immer wieder öffnen sich neue Blicke auf die Daugava und die Rigaer Altstadt.














Estnische Nationalbibliothek in Tallinn: Bibliothek im Wandel
In Tallinn können wir uns die Nationalbibliothek nur von außen ansehen: Das Gebäude am Tõnismägi wird gerade umfassend renoviert und soll 2027 wieder für die Öffentlichkeit geöffnet werden.
Die estnische Nationalbibliothek wurde 1993 eröffnet und ist selbst ein Stück jüngerer estnischer Geschichte. Die Renovierung soll aus der Bibliothek noch stärker einen offenen kulturellen und gesellschaftlichen Treffpunkt machen. Während wir in Riga also eine moderne Nationalbibliothek bereits im Betrieb erleben, sehen wir in Tallinn einen Ort im Übergang.




British Library in London: Ruhe mitten in der Stadt
In London sitze ich im Humanities Reading Room der British Library. Interessant dabei ist, dass diese Bibliothek mitten in einer der geschäftigsten Städte Europas liegt und hier oben eine wunderbare Ruhe herrscht.
Für die Lesesäle braucht man einen Reader Pass. Es gibt verschiedene Reading Rooms, die nach ihren Fachgebieten benannt sind: Manuscripts, Science, Newsroom, Maps, Asian & African Studies, Rare Books and Music und eben Humanities, wo ich sitze. Der Raum ist hell und großzügig. Viele Menschen arbeiten an den Tischen, manche mit Büchern, andere am Laptop. Niemand spricht laut, niemand telefoniert. Es ist eine konzentrierte und für mich sehr angenehme Atmosphäre.
Was mir dabei gefällt ist etwas ganz Alltägliches: Ich muss hier nichts konsumieren. Ich muss mich nicht in ein Café setzen und einen Kaffee bestellen, um in Ruhe etwas lesen oder schreiben zu können. Essen und Trinken sind in den Lesesälen zwar nicht erlaubt, dafür ist der Raum genau für das da, was ich gerade mache: lesen, recherchieren und schreiben. Wer arbeiten möchte, und das im Stillen tut, kann auch das machen. Draußen ist London laut und geschäftig, hier drinnen ist es einfach ruhig.
Eine Bibliothek viel größer als die anderen beiden
Die Ruhe des Lesesaals steht in einem interessanten Gegensatz zur Dimension der Institution. Die British Library bewahrt mehr als 170 Millionen Objekte, von Büchern über Zeitungen, Manuskripte und Karten bis zu Tonaufnahmen, Patenten, Briefmarken und digitalen Veröffentlichungen. Allein die Zahl der gedruckten Bücher und E-Books liegt bei rund 13,5 Millionen. Die Sammlung wächst jeden Tag weiter.








Zum Vergleich: In Riga haben wir eine Nationalbibliothek mit rund 4,5 Millionen Sammlungseinheiten besucht. Die British Library verfügt damit über fast das 38-Fache des Bestandes der lettischen Nationalbibliothek.
Die Quintessenz aus dem Besuch dieser drei Nationalbibliotheken?
In Riga beeindruckt mich vor allem die Architektur, in Tallinn sehe ich ein Haus im Wandel. Und hier in London erlebe ich die Bibliothek vor allem als Ort der Ruhe, des Arbeitens und des Zugangs zu Wissen. Vielleicht ist das die schönste Gemeinsamkeit: Nationalbibliotheken bewahren die Vergangenheit und das kulturelle Erbe und sind dabei gleichzeitig Orte, an denen Gegenwart stattfindet.
Estnische Nationalbibliothek, Tallinn
Britische Nationalbibliothek, London
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