Bauhaus Dessau: Wie sich Zukunft vor 100 Jahren anfühlt

Meine erste Station auf dem Weg ins Baltikum ist Dessau.

Wo Moderne alt ist und trotzdem neu wirkt.

Das Bauhausgebäude Dessau überrascht mich. Nicht, weil alles besonders futuristisch aussieht – sondern weil vieles aus heutiger Sicht so selbstverständlich und normal wirkt. Große Fenster, klare Formen, Offenheit, Licht. Mir wird bewusst, wie radikal diese Ideen vor 100 Jahren gewesen sein müssen.

Konsequent hat man hier neu gedacht. Walter Gropius will keine Vergangenheit kopieren, sondern etwas entwickeln, das zur Zukunft passt. Im Jubiläumsjahr 2026 wirkt das Bauhaus Dessau erstaunlich modern. Das Gebäude entsteht 1926 in kurzer Zeit und setzt damals auf neue Materialien und neue Vorstellungen davon, wie Architektur funktionieren soll. Interessant finde ich, dass der Bau am Ende sogar günstiger wird als ursprünglich geplant und Walter Gropius einen Teil des Budgets an die Stadt zurückgeben kann.

Bemerkenswert ist auch die Geschichte des Standorts: Nach dem Weggang aus Weimar bemühen sich mehrere Städte um das Bauhaus. Dessau bietet an, den Neubau zu finanzieren und dem Bauhaus inhaltlich freie Hand zu lassen. Diese Offenheit spiegelt sich im Gebäude wider. Es gibt keinen klassischen Haupteingang, jede Seite soll einladend und zugänglich wirken sowie eine andere Perspektive ermöglichen. Auch die Haltung dahinter fasziniert mich: Kunst und Handwerk sind gleichwertig, Lehrer und Lehrerinnen sind Meister und Meisterinnen, keine Professoren. Hierarchien sollen verschwinden. Das Bauhaus wirkt auf mich weniger wie eine Schule – eher wie der Versuch, eine neue Gesellschaft zu entwerfen…

Nicht nur Architektur, sondern Lebensentwurf

Was mir fast noch mehr in Erinnerung bleibt als die Gebäude: die Geschichten über das Leben am Bauhaus. Veranstaltungen verbinden Kunst, Bühne, Gestaltung und gesellschaftliches Experiment. Räume, Kleidung und Abläufe werden bewusst inszeniert. Zu diesen thematischen Bauhausfesten gehörten beispielsweise auch die sogenannten Weißen Feste. Diese Feste sind keine normalen Feiern, sondern Kunstwerke zum Mitmachen. Alles wird gestaltet – Räume, Kleidung, Bewegung, Licht. Besonders hängen von der Führung übers Gelände bleibt bei mir die Vorstellung eines Festes, bei dem man die Aula im ersten Stock nur durch ein Fenster im selben Stock betreten kann und den Raum auf der anderen Seite wieder verlässt. Keine anderer Ein- oder Ausgang vorhanden.

Im Bauhaus sollen offenbar nicht nur Häuser entworfen, sondern Gewohnheiten hinterfragt werden. Wie leben wir? Wie bewegen wir uns? Wie begegnen wir uns? Diese Offenheit und Überlegungen wirken überraschend modern und so wichtig für unsere Gesellschaft und Zukunft.

Entstehen große Ideen vor allem (oder auch) in der alltäglichen Beziehungsarbeit?

Die berühmten Bauhausvertreter leben hier weniger als ferne Genies, sondern als Nachbarn. In den Meisterhäusern wohnen Künstlerinnen, Architekten und Gestalter wie Walter Gropius, Wassily Kandinsky, Paul Klee oder Lyonel Feininger mit ihren Familien Tür an Tür und diskutieren, streiten, entwickeln neue Ideen. Zwei Häuser bleiben im Original erhalten, zwei werden nach ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg erst 2014 neu ergänzt.

Mir gefällt die Größe und Vielfältigkeit, die das Bauhaus eigentlich umfasst. Alles hängt zusammen: Architektur, Möbel, Design, Fotografie, Bühne, Gesellschaft. Ich verstehe ein kleines Stück besser, warum manche Ideen hundert Jahre überdauern, bin aber auch etwas überfordert von den vielen unterschiedlichen Gelegenheiten in Dessau, bei denen ich mich mit dem Bauhaus befassen kann. Fast zu viel für einen einzigen Besuch.

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