Um halb sechs Uhr morgens verlasse ich mein Guesthouse, eine Stunde später stehe ich vor dem Kiyomizu-dera, dem Tempel des reinen Wassers. Ursprünglich stammt der Tempelkomplex aus dem Jahr 798, die heutigen Hallen wurden bis zum 17. Jahrhundert neu erbaut.
Noch liegt eine fast unwirkliche Ruhe über der Tempelanlage. Die breiten Wege und die vielen kleinen Läden rund um den Eingang lassen zwar erahnen, dass dieser Ort im Laufe des Tages von Touristen überflutet wird – doch jetzt gehört der Tempel den wenigen morgendlichen Besuchern. Ich schlendere durch die Haupthalle, lausche dem Knarren der alten Holzbalken und genieße diesen seltenen Moment der Stille im Osten Kyotos.






Auf Stelzen über der Stadt errichtet
Die Lage des Tempels ist außergewöhnlich: Die berühmte Haupthalle ragt auf gewaltigen Holzstelzen über den Hang hinaus – vollständig ohne Nägel errichtet und damit ein Meisterwerk traditioneller japanischer Holzbaukunst. Besonders eindrucksvoll zeigt sich die Konstruktion von der Okune-in-Hall aus. Von dort öffnet sich der Blick weit über Kyoto, während direkt unterhalb der Otowa-Wasserfall rauscht. Drei Wasserströme stehen hier symbolisch für Liebe, Erfolg und ein langes Leben. Mit kleinen Bechern an langen Eisenstangen schöpfen Besucher möglichst geschickt das Wasser des entsprechenden Stroms und trinken es in der Hoffnung auf eine wunscherfüllende Wirkung.








Zwischen jahrhundertealter Tradition und moderner Reiserealität
Glücklich über die morgendliche Ruhe und die fast abgeschiedene Atmosphäre des Tempels kehre ich schließlich zurück in die Stadt. Und dann tue ich etwas, das eigentlich so gar nicht zu meiner Vorstellung eines spirituellen Kyoto-Morgens passt: Ich stelle mich bei Starbucks an. Allerdings nicht bei irgendeinem. Die Filiale in der historischen Ninenzaka-Straße ist der weltweit erste Starbucks in einem traditionellen japanischen Machiya-Holzhaus – inklusive Tatami-Matten und Blick auf die alten Gassen Kyotos.


Hat dir mein Beitrag gefallen? Dann gib‘ ihm gerne ein „like“, teile und/oder kommentiere ihn.

Schreibe einen Kommentar