Baseball ist ein japanisches Kulturgut.
An meinem letzten Abend in Japan hat mich Coco zum Baseball in Tokyo eingeladen. Es ist mein erstes (japanisches) Baseballspiel überhaupt. Baseball ist in Japan nicht einfach nur ein Sport. Yakyu, wie das Spiel auf Japanisch heißt, ist hier kulturelles Allgemeingut. Die höchste Liga des Landes zieht jedes Jahr Millionen Zuschauer an, Spiele laufen überall live und nationale Helden wie Shohei Ohtani werden verehrt wie Popstars. An anderer Stelle hatte ich auch gehört, dass in vielen Onsen-Saunen Baseball auf großen Fernsehern läuft. Ob nur bei den Männern oder auch bei den Frauen habe ich nicht persönlich überprüfen können. Wenn bei mir im Onsen in der Sauna der Bildschirm an war, liefen Talk Shows.
Wir fahren zum Meiji Jingu Stadium in Shinjuku, Heimstätte der Tokyo Yakult Swallows. Das Stadion wurde bereits 1926 eröffnet und ist damit eines der ältesten Profi-Baseballstadien Japans. Gleichzeitig steht seine Zukunft auf der Kippe: Wegen Sicherheitsmängeln und eines gigantischen Stadtentwicklungsprojekts soll es in einigen Jahren abgerissen und neu gebaut werden. Dagegen gibt es heftige Proteste, unter anderem wegen geplanter Wolkenkratzer und tausender Bäume, die dafür verschwinden müssten. Coco hat schon seit ihrer Kindheit sehr großes Interesse an Baseball und genau dieser Mannschaft und ist bestens informiert.



Takoyaki und andere Leckereien first – Baseball later
Bevor wir unsere Plätze aufsuchen gibt es Takoyaki – das wohl berühmteste Streetfood aus Osaka. Kleine Teigbällchen mit Oktopusstücken, dazu süßliche Sauce, Mayo, Bonitoflocken und Seetang. Außen leicht knusprig, innen fast flüssig heiß. Gefährlich lecker. Die Plätze liegen ganz oben im Stadion. Coco hat sie über eine Lotterie bekommen. Diese Lounge-Sitze sind gepolstert, mit Lehnen ausgestattet und bieten einen perfekten Blick auf das Spielfeld. Bei dem starken Wind dort oben bin ich sehr dankbar für die polsternde Wärme. Besonders japanisch wirkt allerdings etwas anderes: Direkt am Sitz befindet sich ein kleiner Korb für Taschen und Jacken. Diese Gepäckkörbe sieht man hier wirklich überall – in Restaurants, Cafés und offenbar auch im Baseballstadion. Taschen auf den Boden zu stellen gilt als unhygienisch. Ich finde das Konzept sehr praktisch.








Ein Stadion wie ein großes Straßenfest
In der 5er Lounge sitzen noch weitere Freunde und Kollegen von Coco. Alle bringen Essen mit, teilen Snacks und unterhalten sich die ganze Zeit. Baseball wirkt dadurch weniger wie ein reines Sportevent und mehr wie ein großes soziales Treffen. Bier bekommt man entweder per Handybestellung oder bei den berühmten Biermädchen. Junge Frauen, genannt Uriko, mit schweren Bierfässern auf dem Rücken laufen pausenlos die Tribünen hoch und runter und zapfen aus einem Schlauch direkt in Plastikbecher. Bezahlt wird natürlich digital.
Vom Spiel selbst verstehe ich ehrlich gesagt fast nichts. Die Hanshin Tigers aus Osaka sind Tabellenführer und den Swallows deutlich überlegen. Trotzdem ist die Stimmung fantastisch. Die Fans singen ständig, besonders die Osaka-Anhänger sind laut und organisiert. Und obwohl Tokyo keinen einzigen Punkt erzielt, gibt es irgendwann trotzdem die berühmte Regenschirm-Choreografie der Swallows-Fans: Tausende kleine bunte Schirme drehen sich gleichzeitig im Takt zu „Tokyo Ondo“. Vollkommen absurd, vollkommen großartig.
Kein Punkt – trotzdem ein perfekter Abend
Das Spiel endet ohne einen einzigen Punkt für die Heimmannschaft. Auch auf dem Heimweg bleibt die Stimmung entspannt und freundlich. Was mich allerdings erneut beeindruckt sind die Menschenmassen. Nach der morgendlichen Rush Hour in der U-Bahn oder dem Besuch nationaler Sehenswürdigkeiten während der Golden Week ist das vermutlich die zweite große japanische Disziplin zur Prüfung der persönlichen Stressresistenz. Falls man nicht mehr in die erste Bahn passt, dann eben in die zweite. Oder dritte. Oder fünfte.
Mein Eindruck des Abends: Ich verstehe Baseball noch immer nicht wirklich. Aber ich habe ein weiteres Puzzlestück der japanischen Kultur kennengelernt. Danke Coco – danke Japan!
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