In Häädemeeste an der Westküste Estlands entdecken wir ein Plakat, das eine finnische Sommersonnwendfeier ankündigt.

Neugierig schwingen wir uns am Abend auf unsere Fahrräder und radeln die rund 15 Kilometer zur Veranstaltung in einem halb privaten, halb öffentlichen Gemeindehaus mit großem Garten. Als wir ankommen, feiern dort etwa 50 Menschen aller Altersgruppen. Schnell entsteht der Eindruck, dass sich hier alle kennen – und wir die einzigen Fremden sind. Das tut der Stimmung keinen Abbruch: Wir grüßen freundlich, holen uns am Food Truck Burger, Pommes und Bier und beobachten das bunte Treiben. Vor dem wirklich riesigen Holzhaufen zeigen Feuertänzer ihr Können, Kinder und Erwachsene messen sich bei augenzwinkernden Wettkämpfen und überall wird gelacht.


Viel Spaß haben wir zum Beispiel beim Zuschauen eines skurrilen Wettkampfs, bei dem sich die Teilnehmer einen Stock zwischen einen Fuß und eine kleine Schutzmaske auf der Stirn klemmen und versuchen, dann in gebückter Haltung die Ziellinie zu erreichen. Das klingt kompliziert, sieht aber sehr lustig aus. Kaum jemand schafft es ohne Wackeln, Stolpern oder einen verlorenen Stock. Der Ehrgeiz hält sich entsprechend in Grenzen, der Spaßfaktor für Mitspielende und Publikum ist riesig.

Im Anhänger steht ein nordischer Wellness-Klassiker, der bei einem finnischen oder estnischen Sommersonnwendfest nicht fehlen darf: eine holzbefeuerte Sauna und ein ebenfalls mit Holz beheiztes Badefass. Aus dem Schornstein der Sauna steigt Rauch auf, daneben dampft das heiße Wasser, hier ein Prototyp:

Offensichtlich ist es dafür aber noch zu früh am Abend, denn bis zu unserer Abfahrt bleibt die Sauna ungenutzt und nur ein Kind planscht im Badefass. Die familiäre Atmosphäre erinnert mich an die Feuerwehrfeste in meinem Heimatdorf Buch bei Kutzenhausen. Deshalb halte ich mich mit Fotos zurück und fotografiere lieber den kleinen Teich, in den man nach dem Saunagang springen kann.

Spät, aber immerhin, kommen wir noch mit einigen Einheimischen ins Gespräch. Sie erzählen uns, dass das große Feuer traditionell von Jan („Johanni“) angezündet wird, der nur wenige Meter entfernt wohnt. Als es schließlich soweit ist, helfen die Feuertänzer kräftig nach, und innerhalb weniger Minuten steht der ganze Holzberg in Flammen.






Gegen halb elf machen wir uns auf den Rückweg. Wir möchten noch bei Tageslicht zurück am Campingplatz sein. Die Fahrt durch Wälder und weite Felder wird zu einem stimmungsvollen Abschluss des Abends. Obwohl es spät ist, liegt noch lange Helligkeit über der Landschaft und wir genießen diese ruhige Fahrradfahrt und die besondere Atmosphäre dieser Mittsommernacht.

Finnische und Estnische Traditionen zur Sommersonnwende oder: Warum feiern Finnen und Esten an unterschiedlichen Tagen?
Die eigentliche Sommersonnenwende fällt astronomisch auf den 20. oder 21. Juni. Sowohl in Finnland als auch in Estland orientieren sich die Feierlichkeiten jedoch an alten Mittsommer- und Johannistraditionen.
In Finnland wird das Mittsommerfest „Juhannus“ seit den 1950er Jahren am Wochenende zwischen dem 20. und 26. Juni gefeiert. Dadurch entsteht jedes Jahr ein langes Mittsommerwochenende.
In Estland dagegen sind die Termine fest: Am 23. Juni wird der „Võidupüha“ (Tag des Sieges) begangen, am Abend folgt der „Jaaniõhtu“ (Johannisabend), bevor am 24. Juni der „Jaanipäev“ (Johannistag) gefeiert wird. Beide Tage sind landesweite Feiertage. So kommt es regelmäßig vor, dass die finnischen Mittsommerfeiern einige Tage früher stattfinden als die estnischen.
Hat dir mein Beitrag gefallen oder dich interessiert? Dann gib‘ ihm gerne ein „like“, teile und/oder kommentiere ihn.

Schreibe einen Kommentar