Die große Hölle (Lielā Ellīte) in Liepa
Wir wandern im nordwestlichen Teil des Gauja-Nationalparks. Ausgangspunkt ist das unscheinbare Dorf Liepa zwischen Cēsis und Valmiera. Dass dieser Ort seit Jahrtausenden für Menschen überhaupt von Bedeutung ist, liegt an der „Großen Hölle“ (Lielā Ellīte) am südlichen Ortsrand. Die Lielā Ellīte ist eine rund 6.500 bis 7.000 Jahre alte Sandsteinformation. Sie besteht aus einer Höhle, mehreren Nischen und einer für Lettland einzigartigen Arkade aus drei natürlichen Sandsteinbögen. Die ursprüngliche Höhle war etwa 23 Meter lang, bis zu 5 Meter breit und rund 3,5 Meter hoch. Sie entstand durch Quellwasser, das über Jahrtausende den Sandstein ausgespült hat. Heute ist die eigentliche Höhle teilweise eingestürzt, weshalb man sie nicht mehr wie früher betreten kann. Die Höhle wird auch Velna ceplis („Teufelsofen“) genannt. Zahlreiche lettische Sagen erzählen, dass hier einst der Teufel gehaust habe. Einer Legende zufolge gelang es erst einem völlig sündlosen Priester, ihn zu vertreiben. Der Teufel floh daraufhin zur Gauja und weiter zu einem anderen Sandsteinfelsen. Schon wieder also der Teufel…
Durch einen trichterförmigen Einschnitt kommen wir in die Nähe der Sandsteinhöhle. Das mit der Quelle und dem kristallklaren Wasser können wir so nicht bestätigen. Aber auf jeden Fall ist das ein besonderer Ort.



350 Millionen Jahre alte Felsen an der Gauja
Einen knappen Kilometer weiter beginnt ein herrlicher Waldweg durch die stille Landschaft des Gauja-Nationalparks. Mal geht es über schmale Pfade, mal über gut ausgebaute Wege. Immer wieder erleichtern uns erstaunlich gut erhaltene Holztreppen den Weg über Moore, Geländeeinschnitte und Hänge. Schön sind auch die fast hüfthohen Farne, die uns während der gesamten Wanderung begleiten und die Landschaft immer wieder „versanften“. Ein kurzes Stück verläuft die Route sogar auf dem lettischen Abschnitt des Jakobswegs. Ein Wegweiser erinnert daran, dass die Kathedrale von Santiago de Compostela noch mehr als 4.500 Kilometer entfernt liegt – eine Zahl, die die Dimension dieses europäischen Pilgerwegs eindrucksvoll verdeutlicht. Trotzdem begegnen wir auf den knapp dreizehn Kilometern keinem anderen Menschen.










Dabei ist der landschaftliche Höhepunkt wirklich beeindruckend. An der Gauja erstreckt sich über rund einen Kilometer eine beeindruckende Sandsteinwand parallel zum Flusslauf. Die Felsen entstanden vor mehr als 350 Millionen Jahren und gehören zu den längsten zusammenhängenden Sandsteinformationen Lettlands. Die Līču-Felswand ragt bis zu dreißig Meter in die Höhe, während die Langu-Felswand deutlich niedriger bleibt. Große Teile der Felsen sind von dichter Vegetation verborgen, doch an vielen Stellen können wir die rötlichen Sandsteinschichten sehen, inklusive menschlicher Verewigungen.






Roter Ton und Millionen von Backsteinen
Bereits zu Beginn und später noch einmal am Ende der Wanderung verändert sich das Landschaftsbild deutlich. Statt Wald und Felsen öffnet sich eine große Abbaugrube, in der Ton und andere Rohstoffe gewonnen werden.

Der intensiv rote Ton sticht sofort ins Auge und setzt einen starken farblichen Kontrast zur grünen Umgebung. Die hier gewonnenen Rohstoffe bilden die Grundlage für die Produktion der Firma LODE, einem der bedeutendsten Hersteller von Ziegeln und keramischen Baustoffen im Baltikum. Auf dem weitläufigen Werksgelände stapeln sich unzählige Paletten mit Backsteinen in unterschiedlichsten Formen, Farben und Ausführungen. Die akkurat aufgereihten Stapel wirken beinahe surreal – als hätte jemand eine eigene kleine Stadt aus Ziegeln errichtet.
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