Bei einem Japanischen Garten werde ich schnell hellhörig. Während meiner Japanreise erst neulich habe ich viele ganz unterschiedliche Gärten besucht – von weitläufigen Landschaftsgärten bis zu kleinen Tempelanlagen. Entsprechend neugierig bin ich nun, wie sich ein Japanischer Garten in Estland anfühlt.
Schon nach den ersten Schritten fällt mir auf, dass dieser Garten gar nicht erst versucht, Japan eins zu eins zu kopieren. Statt exotischer Pflanzen wachsen hier vor allem heimische Bäume und Sträucher. Trotzdem entsteht durch Wasser, Felsen und viel Grün genau diese sanfte, harmonische Atmosphäre, die ich aus Japan kenne. Alles wirkt ruhig, ausgewogen und angenehm fürs Auge, irgendwie im Gleichgewicht.
















Weniger Deko, mehr Philosophie
Als Anfang der 2000er Jahre ein bislang eher naturbelassener Bereich innerhalb der Kadrioru-Parkanlage neu gestaltet werden sollte, entschied man sich bewusst gegen einen weiteren formalen europäischen Garten. Stattdessen suchte man nach etwas, das die vorhandene Landschaft respektiert und beauftragte den japanischen Landschaftsarchitekten Masao Sone aus Kyoto mit der Anlage. Sein Ziel war es nicht, einen typisch europäischen “Japanischen Garten” mit möglichst vielen asiatischen Dekorationselementen zu schaffen. Stattdessen griff er die Grundprinzipien der japanischen Gartenkunst auf und verband sie mit der estnischen Landschaft:
- Asymmetrische Gestaltung statt strenger Symmetrie und bewusst komponierte Blickachsen
- Steine als “Gerüst” des Gartens, denn die Felsen sind bewusst gesetzt. Senkrechte Steine stehen symbolisch für die Kirchtürme Tallinns, flachere Steine für die charakteristischen Giebeldächer der Altstadt.
- Wasser oder dessen symbolische Darstellung
- Schönheit in Vergänglichkeit und Jahreszeiten. Der Garten verändert sein Gesicht ständig, von der Kirschblüte im Frühjahr, zu Rhododendren im Frühsommer oder Iris im Hochsommer bis hin zu leuchtend roten und orangefarbenen Ahornblättern im Herbst.
Überrascht hat mich, dass es praktisch keine Bänke oder andere Sitzgelegenheiten gibt. Tatsächlich steckt auch dahinter ein Gedanke der japanischen Gartenkunst. Der Garten ist als Weggarten gestaltet. Man soll ihn langsam durchschreiten, immer wieder stehen bleiben und neue Perspektiven entdecken, statt ihn von einer Bank aus zu betrachten. Genau das machen wir und schlendern nach unserem Rundgang darüber hinaus auch noch durch diesen großen Kadrioru-Park, der aus dem frühen 18. Jahrhundert stammt und als barocke Parkanlage für Zar Peter den Großen geschaffen wurde.







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